wiedermorgenmond

HERZZEILEN #29 | tagebuch ungedachter worte

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Regen fällt und verschleiert meine Sicht
wie ein Geliebter, der seine Hände auf meine Augen legt,
damit ich seine Berührungen auf meinem Körper
mit all meinen Sinnen wahrnehmen kann.

Und so schliesse ich meine Augen und gebe mich hin …

Seine Streicheleinheiten erinnern mich an früher,
damals, als ich noch in seiner Umarmung tanzte,
barfuss und ohne jedes Bedenken oder Urteil,
als ich noch versonnen aus dem Fenster blickte,
nur um die tausend Tropfen darauf zu zählen
und meinen stillen Bruder bei mir zu begrüssen.

Langsam klärt sich der Dunstschleier
und sanftes Licht weckt mich aus meinem Träumen …

Als ich schliesslich meine Augen wieder öffne
ahne ich gerade noch seine Silhouette in die Ferne gleiten,
noch nie mehr als eine flüchtige Erinnerung, bis auf
dieses gütige Lächeln seiner Gegenwart.

Leise bricht mein Herz
und wird von Liebe geschwemmt.

HERZZEILEN #28 | tagebuch ungedachter worte

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Tief sind die Wurzeln,
die mich halten, hier bei dir,
und jede meiner Tränen
beweist und nährt
eine jede ihrer Fasern.

Und wie die Fasern meines Herzens
– so erklärtest du mir einst –
verlaufen auch die ihren längs und quer
und bilden ein reisssicheres Geflecht
aus Erinnerung, Zuversicht und Liebe.

Und so stehe ich hier am Bahnsteig
ängstlich und zitternd und weiss,
dass wir beide ewig sind, irgendwie
– wie ein Tropfen Schicksal –
und deine Berührung überall währt.

Tief sind die Wurzeln und
hoch ist die Krone unseres Heims
und ihr Ruf wird mir folgen
wachsam und leitend
bis ich heimkehre zu dir.

HERZZEILEN #27 | tagebuch ungedachter worte

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Heute Nacht flog
eine Krähe an meinem Fenster vorbei
und bog von dort ab
in meine Träume.

Sie brachte mir
einen erfrorenen Spatz auf meine Schwelle
den anzufassen ich aus Angst
nicht wagte.

Da kamst du
… mein Atem stockte als du näher tratest …
nahmst ihn behutsam in deine hohle Hand
und ich staunte während seine Starre
… unsere Blicke trafen sich …
langsam verging.

Du gabst ihn mir
und sachte strichen meine Finger über sein Gefieder
bis es wieder flauschig war
und bebte.

Heute Morgen sass
eine Taube auf meiner Fensterbank
und so dankte ich ihr
für deine Liebe.

HERZZEILEN #26 | tagebuch ungedachter worte

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ein wunder weit weg
ahne ich deine silhouette
hinter morgentaunassem atem

doch ein wunder weit weg schon
verblasst deine struktur und verweht
im ersten sonnenstrahl.

HERZZEILEN #25 | tagebuch ungedachter worte

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tragen wir die sonne in unseren herzen,
in unseren augen, so sind
unsere wimpern die vogelschwärme, die über ihr antlitz kreuzen
wenn sie auf die erde blickt und golden strahlend lacht.

doch der mond zeigt sich nur abends,
nur wenn die letzten vogelschwärme ruhn, erst dann
erstrahlt die iris silberhell und webt ihr liebeslied ins dämmerlicht
der ungesehenen wunderwelt die sie erträumt.

während die sonne schläft –
doch die sonne schläft.

HERZZEILEN #24 | tagebuch ungedachter worte

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es ist ein ort des abends
dieser schöne flecken welt

ich glaube ich
vermisse meinen bruder

ein sanftes Rot fällt auf meine wangen
und Wärme streichelt mein herz das seine
sehnsucht teilt und doch die zuflucht
nicht erkennt …

meine träne zeigt den vollmond und sein
zartes silberlicht auf meinem perlenschleier*

es ist ein ort des abends
dieser schöne flecken welt
doch es ist nicht
daheim

*nebelwogen und tau

HERZZEILEN #23 | tagebuch ungedachter worte

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ich tanze mit dir
im stillen sternenlicht
und zu mondhellem traumgesang
barfuss im puderzuckerschnee
unseres kleinen vorgartens

im kreis drehend
immer
und immer wieder

unsere füsse werden langsam taub.

HERZZEILEN #22 | tagebuch ungedachter worte

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bevor du da warst war
alles kleiner

ein kleineres lachen
kleinere gefühle
kleine träume

kleinere
schatten

mein herz läuft über
und kommt nicht hinterher

wünschte nur du wärst bei mir.

HERZZEILEN #21 | tagebuch ungedachter worte

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worte zu lieben
ist wie das flüchtige lächeln
einer vorbeifliegenden schwalbe für mich.

doch bitte,
versuch nicht sie festzuhalten
denn ihr wunder verginge noch im selben augenblick.

HERZZEILEN #20 | tagebuch ungedachter worte

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im winter da fiel
wolkenstaub vom himmel
während ich im sternensang
nach verlorenen worten suchte.

wirre gedanken zerfetzten mein kleid …

jetzt – im sommer
da herrscht das rosa wattenlicht
ein trugbild frühlinghaften nebels
einfach ein paar umdrehungen zu spät.

vergangen und vergessen, ersehnt und verpasst …

die schatten jagen mich durch graue strassen aus gold
denn die nacht

sie verschlingt alle farben.

HERZZEILEN #19 | tagebuch ungedachter worte

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remember nineteen
– ein jahr, ein tag | ein ort, eine liebe –

#1 | hier zwischen diesen Wiesen

und bei einem Glas Bier, das nicht das meine war,
begegnete ich dir zum allerersten Mal.
Mit meergrauen Augen und diesem kupferroten Haar
erzähltest du von deinem Wunsch
 nach Veränderung und Wandel.
Seltsam dachte ich, als du dich abwandtest und gingst.

#2 | man sagt, Verliebtheit
 mache die Welt bunter.

Durch dich erblühte sie in tausend Sternenfarben.
Ich hätte mich in alle Ewigkeit geträumt und nie wäre ich
glücklicher gewesen, als in deinem 
süssen Vergessen.
Mit dir rannte mein Geist zum Horizont und vielleicht
nie mehr zurück.

#3 | deine Wälder waren grün

und du schmecktest nach Frühling in diesem Jahr.
Um mich herum das Paradies, erwachte in mir
eine vollkommmene Unberührtheit, eine lichtdurchflutete Ruhe,
geboren wie aus tiefster Sternennacht.
Mein Stück passte zu deinem und ich dachte an Heimat.

#4 | und wie alles was ich tat, 
liebte ich nicht einfach,

sondern versank mit der ganzen Tiefe meines Herzens.
Bittersüss verloren sah ich mich in dieser Traumwelt,
so flüchtig und so unausweichlich die Unmöglichkeit
zwischen mir und bei dir. Doch das war egal.
Denn diese Liebe war für mich.

#5 | naher Abschied lauerte 
in den Schatten.

Die Wirklichkeit würde mich einholen,
doch ich schloss die Augen mit einem Lächeln.
Was immer kommen würde – in meiner Erinerung, dachte ich,
würden du und diese Gefühle 
unsterblich sein,
und all das hier auf ewig mein und ein Teil von mir.

#6 | kauernd im jungen Gras

genoss ich diese Freiheit in meiner eigenen Unendlichkeit.
Damals war mein Jetzt ein Immer, damals.
Doch vielleicht war es nur die Freiheit des Augenblickes
in dem ein junges Herz die Welt
 ein zweites Mal
und nochmals neu verstehen lernt.

#7 | als die Regentage folgten

sah ich nur Kristalle vom Himmel tanzen.
Vielleicht hätte ich die Vorboten erkennen müssen,
doch verfangen in diesem Gespinst traumverwachsener Konstrukte,
war ich blind für die Wahrheit
 und folgte nur meinen eigenen Worten,
die mir so bittersüss ihre Versprechungen ins Herz flüsterten.

#8 | melancholie nannte ich sie
,

das Mädchen, das damals durch diese Wälder wandelte
und im Zwielicht doch die wage Hoffnung sah.
Oh, wenn wir nur anders wären, dachte ich kurz,
ein anderes Leben in einer anderen Zeit.
Und was,
wenn wir doch wirklich werden konnten?
Wer hielt mich schon an welchen Regeln?

#9 | voller Zuversicht und Mut 
stand ich vor dem Spiegel,

als der letzte Tag kam und der erste begann.
Tröstend umfing mich
 die Antwort auf meine Fragen.
Ich würde wiederkommen, sagte ich mir,
und in kindlicher Treue
und mit der ihr eigenen Einfachheit der Welt,
glaubte ich daran.

#10 | als ich dich das nächste mal sah, voller Erwartung,

war der Winter längst vorbei, doch der Frühling roch nicht grün.
Aber nicht du hattest dich verändert,
sondern ich war jemand anderes geworden.
Ich suchte dich und ahnte dich, doch als der Frieden ausblieb,
wusste ich :in der Zeit gibt es kein Zurück.
Zu quer lagen meine Gedanken.

#11 | himmelsfern las ich 
an deinen Ufern

immer und immer wieder dieselben Worte :
es war die beste Entscheidung
meines Lebens –
sie änderte alles und lehrte mich, wer ich bin –
doch ich würde es nicht wieder tun.
Ich würde dich nicht wieder lieben, vielleicht,
und mit dieser Erkenntnis, taub,
versank ich im Ozean meiner Verzweiflung.

#12 | mein herz an dich zu binden

schien mir auf einmal naiv, denn erst jetzt erkannte ich,
wie frei ich tatsächlich 
schon immer gewesen war.
Ich konnte jeden Weg einschlagen, doch gerade jetzt
erdrückte mich
diese schiere Endlosigkeit möglicher Leben.
Wie konnte ich mich entscheiden, für dich,
wenn ich dabei so viel anders verlor?

#13 | dich den ich in keinster weise
 erwartet hatte,

und der doch so schillernd in meine Welt gefallen war,
dich erkannte ich als stillen Dieb meiner freien Zukunft.
Kein normales, einfaches Leben hätte ich,
wie es auf einmal so verlockend für mich schien.
Nur Widersprüche und Entbehrungen erahnte ich,
und einen zu hohen Preis.

#14 | es war der juni der traurigkeit, 
taub und unbewegt,

gefangen in einem Abgrund tief unter der Oberfläche.
Meine Gedanken hatten ein uns verraten, all die Zweifel überall.
Ich versank in Wehmut nach Vergangenem
und verlernte es, mir in die Augen zu schauen,
und den Schmerz darin zu sehen,
wie nur ich ihn mir zufügen konnte.

#15 | in liebe, schrieb ich,

hättest du nur nie meinen Weg gekreuzt
und nicht mein Herz zerrissen.
Du würdest mich, ich uns vergessen und dann
blieb nur meine dumpfe Treue, geformt zu goldenen 
Fesseln,
und dieses Leben fürchtete ich.
Doch glauben kann ich bis heute nicht daran.

#16 | anmassend vielleicht
, zu glauben,

ich könnte für immer glücklich sein.
Und doch hält ein Teil von mir daran fest,
dass irgendwo in mir dieser unsterbliche Ort weiterlebt,
an dem du und ich auf immer 
mit den Schmetterlingen tanzen.
Doch der Schlüssel zur Antwort liegt allein 
in der Zeit,
die mir fehlt, um dahin zurückzukehren.

#17 | vielleicht traf ich dich kein weiteres mal
,

vielleicht warst du aber auch noch immer dort
und beobachtetest mich still, 
als ich schliesslich zurückkehrte.
Ich verstand, was es bedeutete, ein Leben zu führen
und gab dir keine Schuld an meinem Schmerz.
Du warst immer da, und doch so anders,
und doch so falsch, und doch so perfekt.

#18 | erstaunlich was ein kinderherz ertragen kann

wenn der Tag heranrückt, an dem es stirbt.
Als ich zurückblickte in diesen Jahren,
in denen das Leben meine Träume verschlang,
versetzte es mir tiefe Wunden.
Doch ich verstand auch, wie heilig meine frühen Lügen waren
und schöpfte Vertrauen
 aus der kleinen Weisheit,
die ich wohl verlor.

#19 | behüte sie gut, mein jahre
, die neuen wie die alten,

die längst wieder vergangen sein werden, eines Tages.
Denn auch die wertvollsten und behütetsten Erinnerungen
verwehen gnadenlos im Wind der Zeit.
Erinnere dich an die Wunder und die Liebe,
an den Frieden und die Unendlichkeit.
Erinnere dich. Erinnere mich.

remember nineteen